„Antisemitismus streckt sein Haupt immer frecher nach oben“

Interview Der jüdische Rapper Ben Salomo fordert ehrliche Debatten und mehr Prävention durch Schulen und Medien

 

Lampertheim.Mit seiner Youtube-Konzertreihe „Rap am Mittwoch“ erreichte Ben Salomo bis vor zwei Jahren regelmäßig mehr als 400 000 Menschen im Internet. Nach massiven Anfeindungen wegen seiner jüdischen Herkunft und um ein Zeichen gegen den Antisemitismus in der Deutschrapper-Szene zu setzen, beendete er dieses Projekt. „Ich habe meine berufliche Existenz für meine Überzeugung aufgegeben“, sagt der 41-Jährige, der mit bürgerlichem Namen Jonathan Kalmanovich heißt und als kleiner Junge mit seinen Eltern aus Israel nach Berlin kam. Mittlerweile engagiert er sich in der politischen Bildung. Mit seinem Programm „Guck mal, der Jude! Antisemitismus damals und heute“ besucht er Schulen im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung. Nach seinem Auftritt an der Bürstädter Erich Kästner-Schule (wir berichteten) diskutierte er auch am Litauischen Gymnasium in Hüttenfeld und an der Alfred-Delp-Schule mit Neuntklässlern über Vorurteile und Gerüchte über Juden und andere Minderheiten. Anschließend gab der Rapper und Buchautor dem „Südhessen Morgen“ ein Interview.

Herr Salomo, wie ist Ihr Eindruck nach den Besuchen an den Schulen?

Ben Salomo: Das Feedback ist grundsätzlich sehr positiv. Die Schüler haben viel Interesse, wenn man nicht gerade um 7.30 Uhr oder 8.10 Uhr den Vortrag beginnt, wo alle noch ziemlich müde sind. Von früheren Veranstaltungen haben mir Schüler und auch viele Lehrer gesagt, dass der Vortrag noch über Tage in ihnen arbeitet.

Wie schaffen Sie es, Ihre Zuhörer zu erreichen?

Salomo: Ich bin zwar niemand, der wie ein Zeitzeuge über ein Konzentrationslager berichten kann, aber ich bin ein Zeuge der Zeitzeugen, kann aus deren Geschichten erzählen und erklären, wie nah das alles noch ist. Das beantwortet vielleicht auch ein wenig die Frage, wie man eine Gedenkkultur aufrecht erhalten kann, wenn die Zeitzeugen nicht mehr unter uns sind: Man muss die Kinder und die Enkel fragen.

Fühlen Sie sich in der Verantwortung, das zu tun?

Solomo: Ich wünschte mir, ich müsste es nicht machen, aber es ist leider so, dass der Antisemitismus, der nie weg war, sein Haupt jetzt wieder mehr und immer frecher nach oben streckt. Das ist mein Beitrag, ihn wieder zurückzudrängen und die Hoffnung aufrecht zu erhalten, dass ich etwas bewirke. Ansonsten muss ich dieses Land eventuell verlassen, bevor es zu spät ist. Eigentlich sollte die Antisemitismus-Prävention eine Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft sein. Dass das ich, andere Juden oder jüdische Organisationen machen, ist ein Ausdruck der Verzweiflung.

Aber diese Präventionsarbeit gibt es ja …

Salomo: In unserer Gesellschaft war die Aufarbeitung des Holocaust und des Antisemitismus in den letzten Jahrzehnten nie wirklich ernst gemeint. Das spiegelt sich vor allem darin wider, dass wir von der Politik schizophrene Signale bekommen, wenn auf der einen Seite gesagt wird, wir bekämpfen den Antisemitismus in Deutschland und auf der anderen Seite unsere Bundesregierung Regimen die Hand reicht, die den Holocaust leugnen. Für Juden wirkt das heuchlerisch, und Holocaust-Leugner fühlen sich dadurch bestärkt.

In Ihrem Vortrag sprechen Sie an, dass fast jeder Deutsche Gerüchte über Juden kennt, aber kaum jemand einen Juden persönlich – und dass sich Mythen und Vorurteile dadurch besonders leicht halten und verbreiten. Wie könnte man das ändern?

Salomo: Ich würde mir sehr wünschen, dass sich deutsche Städte Partnerstädte in Israel suchen, man Schüleraustauschprogramme organisiert und Begegnungen mit Nachfahren der Holocaust-Überlebenden schafft. Es spricht nichts dagegen, dass auch Lampertheim das tut. Allerdings gibt es nicht so viele Juden auf der Welt, um beliebig viele persönliche Begegnungen zu ermöglichen. Deshalb müssen vor allem Schulen und Medien über Gerüchte und Vorurteile aufklären.

Haben Sie ein Beispiel für solche Gerüchte beziehungsweise Vorurteile?

Salomo: Juden zahlen in Deutschland angeblich keine Steuern wegen des Holocaust. Viele Leute glauben das, auch viele junge, weil es irgendwann mal jemand im Internet verbreitet hat. Unserem Schulsystem fällt da leider zu wenig ein, um dem zu widersprechen.

Sollte für Schüler der Besuch einer KZ-Gedenkstätte Pflicht sein?

Salomo: Ja, aber es darf nicht ausschließlich um tote Juden gehen, sondern die Schüler sollten auch verstehen, dass das gute Ende hinter dieser Geschichte die Staatsgründung von Israel ist. Damit haben Juden die Möglichkeit, sich selbst zu beschützen. Ich habe den Eindruck, in Deutschland fällt es leicht, der toten Juden zu gedenken, aber sehr schwer, den lebenden zuzuhören und deren Ängste und Nöte ernst zu nehmen.

Welche meinen Sie konkret?

Salomo: Terroranschläge, Raketenangriffe und die Situation mit den benachbarten Ländern. Auf der anderen Seite haben wir in Deutschland die Bedrohung durch Rechtsextremisten, Linksextremisten und Islamisten.

Sie selbst berichten auch über persönliche Antisemitismus-Erfahrungen durch Muslime …

Salomo: Der Antisemitismus, den ich als Jugendlicher in Berlin erfahren habe, kam aus meiner eigenen migrantischen Community. Leider. In den Großstädten ist der muslimisch geprägte Antisemitismus wirklich ein Problem. Auf dem Land mag es so sein, dass die Rechtsextremen Grabsteine umstoßen oder mit Hakenkreuzen beschmieren. Es darf aber kein Ranking des Antisemitismus geben. Alles war schon in der Historie engstens miteinander verzahnt. Aber auch darüber wird in Deutschland leider keine ehrliche Debatte geführt.

Zurück zu den jungen Leuten in Lampertheim und anderswo. Wenn es schon Erwachsenen schwerfällt, bei antisemitischen Sprüchen einzuschreiten, wie sollen es dann Jugendliche schaffen, wenn beispielsweise auf dem Schulhof jemand einen Judenwitz reißt?

Salomo: Man muss ihnen klarmachen, dass jedes Mal, wenn man da wegschaut und sich wegduckt – egal um welche Richtung der Menschfeindlichkeit es geht –, man unfreiwillig zum Multiplikator wird.

Welche Auswirkungen hat das?

Salomo: Man hinterlässt freien Raum für die Verbreitung von Menschenfeindlichkeit. Dagegen muss man sich klar positionieren und Haltung zeigen. Ich glaube, viele Leute sind stattdessen in einer Art Lähmung: Das betrifft mich nicht, soll doch ein anderer sich drum kümmern. Das ist eine total falsche Einstellung. Die hat schon einmal in diesem Land dazu geführt, dass wir ein diktatorisches, menschenverachtendes Nazi-Regime hatten. Die Nazis sind nicht an die Macht gekommen, weil sie so stark waren, sondern weil die Demokraten in diesem Land so schwach waren. Traurig, dass viele Menschen gerade hier das immer noch nicht verstanden haben.

Durch Ihre Internet-Präsenz waren Sie eine Art Star, vor allem bei vielen jungen Leuten. Bedauern Sie es inzwischen, dass Sie jetzt nicht mehr so viele Menschen erreichen?

Salomo: Ich hätte ja nicht meinen eigene Kanal kapern und einen politischen Bildungskanal daraus machen können. Als die Widerstände und die Ablehnung so groß wurden und ich sogar als Feigenblatt gegen Antisemitismus in der Szene instrumentalisiert wurde, musste ich ein Zeichen setzen. Es stimmt, ich erreiche jetzt weniger Leute, aber ich glaube, dafür nachhaltiger. Mir wird mehr zugehört, auch in anderen Kreisen. Ohne diesen Schritt wäre ich vielleicht nie in die Position gekommen, mit Politikern zu sprechen oder auch auf gewisse Mechanismen in der Rap- und der Musikszene hinzuweisen. Von Konzertveranstaltern werde ich angerufen und gefragt, welche Rapper problematisch sind. Ich verließ diese Szene trotz des Erfolgs und setzte ein Zeichen des Protests. Das verleiht meiner Botschaft vielleicht mehr Authentizität.

Das Interview wurde von Ben Salomo gelesen und zur Veröffentlichung freigeben.

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