In fremde Welten entführt

Alfred-Delp-Schule: Klassen- und Schulsieger des Lesewettbewerbs ermittelt / Can Ayric überzeugt vor allem bei unbekanntem Text

Von unserem Redaktionsmitglied Isabell Boger

Vorlesewettbewerb 2014

Lampertheim. Maya muss als Letzte ran. Mit etwas zittrigen Händen zieht sie das Headset über den Kopf. Über das Pult, das vor ihr steht, kann sie kaum hinwegschauen. Sie ist eine der Kleinsten der sieben Sechstklässler, die an diesem Tag aus ihrem Lieblingsbuch vorlesen. Es ist der Tag, an dem an der Alfred-Delp-Schule (ADS) die Klassen- und Schulsieger des Lesewettbewerbs ermittelt werden.

 

„Lesen bewirkt Wunder“, hat Deutschlehrerin Sandra Helmes zum Auftakt der Veranstaltung gesagt. Denn beim Lesen könne man in fremde Welten vordringen, ohne den Raum zu verlassen. Es sind sehr unterschiedliche Welten, in die die sieben Schüler in den nächsten anderthalb Stunden entführen. Doch eines ist bei fast allen Büchern gleich: Die Hauptpersonen sind Kinder oder Jugendliche.

Es wirkt authentisch, wenn Maya die Gedanken des Mädchens Kathi vorträgt, das gerade mit seiner Mutter streitet. Wenn Chiara vorliest, dass die Hauptfigur Sina nicht erkennen will, dass sie magersüchtig ist. Oder wenn Can – der spätere Schulsieger – die coolen Sprüche des Tagebuchschreibers Greg zum Besten gibt. Doch das Vorlesen bewirkt noch ein anderes Wunder: Die vier sechsten Klassen der ADS – drei in der Real-, eine in der Hauptschule – bleiben erstaunlich ruhig. Die Kinder sitzen entspannt auf ihren Plätzen. Keiner von ihnen sagt ein Wort, während die Mitschüler vorlesen. Alle klatschen fair, wenn die Zeit um und der letzte Satz vorgetragen ist.

Neues System

Es ist das erste Mal, dass der Wettbewerb an der Alfred-Delp-Schule auf diese Weise ausgetragen wird. Schulleiterin Sylvia Meier erklärt: „Zuerst hat jedes Kind innerhalb seiner Klasse ein Buch vorgestellt und daraus vorgelesen. Dann hat die Klasse abgestimmt, welche zwei Schüler sie beim Schulwettbewerb vertreten soll.“ Das Konzept ist aufgegangen. „Es ist viel cooler, wenn das in einem so großen Rahmen stattfindet“, sagt Lea Simonis, die Schulsiegerin des Vorjahres.

Dieses Mal sitzt sie in der Jury. Zusammen mit Schulsprecher Alessio Falzone, Ingrid Bamberg von der Schulbibliothek, Lehrerin Elena Paul, Simone Weyand vom „Bücherschiff“ und zwei Zeitungsredakteurinnen. „Damit es auch wirklich objektiv zugeht, sitzt keine der Deutschlehrerinnen in der Jury“, erklärt Schulleiterin Meier. Sie beobachtet das Ganze, macht Bilder, ist bei der Übergabe der Preise dabei.

Den schwersten Job aber haben die Wertungsrichter: Sie müssen Lesetechnik, Interpretation und Textauswahl bewerten. Ein bis fünf Punkte gibt es in jeder Kategorie. Wer die meisten sammelt, gewinnt. „Das ist wirklich nicht einfach“, sagt Simone Weyand. Denn gut lesen eigentlich alle. Nur ganz selten müssen die Kinder zögern, sich fast nie korrigieren. Flüssig tragen sie die Texte vor, heben am Ende von Fragesätzen die Stimme oder werden lauter, wenn die handelnden Figuren in Panik geraten oder rufen.

Nach dem ersten Durchgang werden die vier Klassensieger bekanntgegeben. Es sind Sophia Greiner (6aR), Can Ayric (6bR), Laura La Lumia (6cR) und Maya Mlok (6aH). Der tosende Applaus der Mitschüler ist ihnen gewiss. Doch noch steht die größte Herausforderung bevor: Lesen eines Fremdtextes. „Wir haben das Buch ,Norden ist, wo oben ist‘ ausgesucht“, erklärt Lehrerin Helmes, die die Veranstaltung moderiert. Sophia tritt zuerst ans Pult. „Du schaffst das“, ruft es von den Stuhlreihen, in der ihre Klassenkameraden sitzen.

Zögerlich beginnt sie zu lesen, immer mal wieder bleibt sie hängen. Dann dann trägt sie den Text flüssig vor, betont und interpretiert das, was sie vor sich sieht. „Wahrscheinlich hätten wir das nicht so gut hinbekommen“, werden sich die Jurymitglieder bei der anschließenden Bewertung einig sein. Auch Laura liefert eine solide Leistung ab.

Maya, nach dem Wahltext noch die Favoritin, hat ein paar mehr Probleme. Schwer les- und sprechbare Worte haben sich in ihre Textpassage gemischt, immer wieder bleibt sie hängen. Doch ihr Talent, den Text lebendig wiederzugeben, ist auch hier zu erkennen. Gegen Can aber kommt keiner der drei anderen an. Er liest, als hätte er auch diesen Text vorher geübt. Die Jury vergibt Höchstpunkte. Als er später zusammen mit den anderen Klassensiegern geehrt wird, strahlt er – und wirkt gleichzeitig schüchtern.

Ob er stolz sei? „Weiß nicht“, sagt Can Ayric. Die anderen hätten zwar gesagt, er sei der Beste gewesen. Aber wirklich geglaubt habe er daran nicht. Doch wie sagte Frau Helmes: „Lesen bewirkt Wunder.“

© Südhessen Morgen, Samstag, 06.12.2014

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